Rheinreise 2012

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Seit dem Pleistozän entwässert der Rhein die europäische Landmasse nördlich der Alpen. Das geht schon 2,6 Millionen Jahre so. Seit höchstens 40.000 Jahren vor unserer Zeitrechnung durchstreift der Homo sapiens das Gelände. Die ersten schriftlichen Aufzeichnungen stammen von den Römern. Mal sehen, was los ist am alten Vater Rhein, etwas mehr als 2000 Jahre nach Christi Geburt.

Das wollte ich immer schon mal tun, wandern auf dem Rheinsteig. Im Oberen Mittelrheintal, zwischen Koblenz und Rüdesheim, mit seinen Burgen, Schlössern und der Loreley, sind die Wanderpfade ausgetreten und die Bilder allzu bekannt. Nur nicht noch eine noch so gut gemeinte Tourenbeschreibung, bloß nicht, nein! Ich habe es trotzdem getan – auf meine Weise.

Der Rhein ist eine uralte Kulturlandschaft, voller Mythen, Sagen und Legenden. Ach, und romantisch soll der Rhein auch noch sein. In der Romantik galt das Rheintal als eine Sehnsuchtslandschaft. Aber was ist der Rhein heute? Eine der meistbefahrenen Binnenwasserstraßen weltweit. Ist Naturerfahrung und Wanderlust da noch möglich? Eindeutig ja! Doch wo Lust ist, ist auch Last nicht weit. So habe ich auf einem der Ausflugsschiffe eine Begegnung mit König Hintzelmann, der sich bitter über Heinrich Heine beklagt. In einer Straußwirtschaft blättere ich in einem Wanderführer und ärgere mich über die konsequent unterschlagenen Hörenswürdigkeiten. Schließlich lerne ich, dass Selbsterkenntnis und Grenzerfahrung auch in der Drosselgasse möglich sind.

Also, warum ist es am Rhein so schön? Ist es am Rhein noch schön? Was kann das Wandern im Rheintal noch hergeben? Ich will es herausfinden. Wie kann ich das tun? Ich greife auf eine Methode zurück, die ist nicht unbedingt neu: Ich öffne alle meine Sinne, ganz weit. Ich, ein Mensch des 21. Jahrhunderts, setze mich der Landschaft aus ... und werde sehen was passiert. Was lösen die Bilder, die Begegnungen, die Eindrücke aus in meiner Hirnrinde?

Das Obere Mittelrheintal wurde im Jahr 2002 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Es stellt sich doch die Frage, was es da zu erben gibt!


Herbert Bremm
Rheinreise 2012

ISBN: 978-3-7418-6044-7
Format: Taschenbuch
Seiten: 160
Preis: 11.90 €

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Rheinreise 2012

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Leseprobe, Kapitel I (Anfang)

Der Regional-Express rollt in den Hauptbahnhof von Frankfurt am Main. Das Quietschen der Bremsen endet mit einem Ruck. Ich muss umsteigen. Anschlussverbindungen werden angesagt. Die Stimme aus dem Lautsprecher dringt durch die Dunkelheit in der gewölbten Gleishalle. Im Schein eines tiefhängenden Lichtbandes bewege ich mich mit ein paar anderen Fahrgästen Richtung Ausgang. »Intercity nach Hamburg, über Frankfurt-Flughafen, Mainz, Bingen, Koblenz, Köln, Dortmund, Abfahrt 5.42 Uhr, auf Gleis 18!« Ich gehe bis zum Ende des Kopfbahnhofes und wechsle ohne Eile den Bahnsteig. Gleis 18. Kein Schieben, kein Drängeln, keine nervösen Überholvorgänge, keine hektischen Ausweichmanöver, der Bahnsteig ist leer. Ich gehe an der weißen Außenhaut des wartenden Zuges entlang. Die zieht sich weit über das Ende des Hallendaches hinaus. Der Minutenzeiger hat die planmäßige Abfahrtszeit noch nicht annähernd erreicht. Mit einem Fingertipp öffne ich die Wagentür.

2. Klasse, Nichtraucher, Großraumabteil, alle Sitzplätze sind frei. Ich stemme meinen Rucksack in die Gepäckablage. In der ersten Reihe, gleich hinter der Schiebetür, polstere ich die Ecke zwischen Fenster und Sitzplatz mit meiner Jacke aus und drücke mich hinein. Der Sekundenzeiger läuft die letzte Runde auf dem Ziffernblatt. Gong. Ansage. Warnsignal. Die Türen schließen. Der Zug rollt an. Kurz darauf kontrolliert der Schaffner den Fahrschein und zwickt mir in mein Online-Ticket ein Loch hinein. Dann sucht er entlang der Sesselreihen nach weiteren Kunden und ist verschwunden. Die Welt draußen, Nacht und Dunkelheit. Im Wageninneren gedämpftes Licht, es ist wohlig und warm. Ich schließe die Augen. Das stählerne Rollen dringt nur schwach durch in die schallgedämmte Kabine. Ich ziehe mich in mich selber zurück - und bin mit mir allein.

In Mainz bewegt sich die automatische Schiebetür hinter mir hektisch auf und zu. Ich wache auf. Mit den Fahrgästen zieht ein Schwall kalter Luft herein. Angestellte, Beamte und Studenten füllen die leeren Sitzplätze auf. Jacken, Mäntel, Gepäckstücke werden verstaut. Die anfängliche Unruhe legt sich rasch wieder. Leises Murmeln im Raum. Einige der Fahrgäste versuchen, wie ich, den abgebrochenen Schlaf fortzusetzen oder lesen die Zeitung. Das Papier raschelt beim Wenden. Jemand schlägt eine Arbeitsmappe auf, sieht den Text durch und markiert die wichtigen Stellen. Im dämmrigen Licht flackern die Bildschirme der Laptops hell auf. Der Fahrgast vor mir klappert mit der Tastatur. Während er an seiner Power-Point-Präsentation feilt, döse ich unproduktiv vor mich hin. Nur keine allzu klaren Gedanken fassen, jetzt nicht!

Mit verhaltener Geschwindigkeit rollt der Intercity durch das kurvenreiche Rheintal. Der Zug bremst kaum spürbar und vermeidet jede unnötige Beschleunigung. Ich harre bewegungslos aus auf dem straff gepolsterten Sitz. Lang und gerade strecke ich die Beine aus, quer durch den Fußraum. Langsam gleitet mein Blick vom Hosenbund hinunter bis zur Schuhspitze. Selten, die Körperteile anzusehen, die offensichtlich außer Betrieb sind? Im Alltag sind sie mir nützlich, denn sie transportieren mich überall hin. Hier, in der Enge des Bahnwagens, so ohne Funktion, scheinen sie mir wie zwei grotesk unpraktische Stangen. Je länger ich auf meine ungewohnt regungslosen Hosenbeine starre, um so fremder werden sie mir. Die erzwungene Untätigkeit führt zu abwegigen Gedanken. Gehören diese Beine zu mir? Sind diese Beine tatsächlich meinem Willen unterworfen? Ich mache keinen Versuch, die seltsam merkwürdigen Gedanken einzufangen und lasse sie weiter zu. Ich spiele ein Spiel mit mir. Wer zuerst zuckt, der verliert!
(...)