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was noch



(Glosse)

Die LAST mit den Büchern

Vom Schwimmen in einer schier unübersehbaren Flut.


Von Herbert Bremm

Ich sag's gleich. Ich habe ein Problem. Weil ich Bücher für was Besonderes halte. Die Vorstellung hat sich tief in die Falten meiner Großhirnrinde eingenistet. Das ist naiv, sicher, trotzdem bleibe ich dabei. Aus dem Grund kollidiere ich auch immer mal wieder mit der Wirklichkeit. Neulich zum Beispiel, bei ein paar mehr oder weniger zufälligen Klicks im Internet, da stieß ich auf eine Zahl. Die las ich gleich noch einmal. Nachdem ich mir sicher war, dass ich nichts falsch verstanden hatte, staunte ich und war fassungslos. Der Börsenverein des deutschen Buchhandels gab bekannt. Im Jahr 2016 erschienen auf dem deutschen Büchermarkt 72.820 Buchtitel, in Erstauflage. Das stimmt, wirklich! Wäre das der Tagesausstoß einer schnelllaufenden Stanzmaschine, dann hätte mich das nicht gewundert. Eisenteile, Plastikbecher, elektronische Platinen - aber Bücher? Ich zweifle nicht an dem, was der Börsenverein schreibt. Um so schlimmer. Wer hat mir das nur eingeredet? Ich bringe die Bücher mit Plato in Verbindung. Der behauptete in seinem Höhlengleichnis, die Menschen erkennen die Welt nur durch die Schatten an der Höhlenwand. Ich lege mir das so zurecht: Was für Plato die Schatten, das sind für uns Menschen heute die Bücher! Eine schöne Vorstellung. Die Idee fasziniert mich. Wenn ich was über das Leben und über die Welt erfahren will, dann steht es in den Büchern! Was ist falsch daran, das zu glauben? Eben, die 72.820 neu erschienenen Bücher. Wer soll die denn alle nur lesen? Selbst mit einer extrem schnellen Querlesetechnik ist das ganz und gar unmöglich. Und, da ist ja immer auch noch der ungelesene Rest der vergangenen Jahre, den ich vor mir her schiebe, der sich vor mir auftürmt. An der Stelle angekommen, sehe ich mich dann tatsächlich in einem grenzenlos großen Ozean schwimmen und in einer unübersehbaren Flut von Büchern ertrinken.

Nur die Ruhe, nur keine Panik, der Reihe nach. Da hilft nur rationales Gegensteuern. Also steige ich tiefer ein in die Presseveröffentlichung des Börsenvereines. Da ist die Gesamtzahl der erschienenen Bücher transparent strukturiert, in Sachgruppen eingeteilt und die Titelanzahl übersichtlich aufgelistet. Allgemeines, Informatik und Informationswissenschaft (1813), Philosophie und Psychologie (4324), Religion (4864), Sozialwissenschaften (12997), Sprache (1975), Naturwissenschaft und Mathematik (1656), Technik, Medizin und angew. Wissenschaft (12164), Künste und Unterhaltung (9918), Literatur (29706), Geschichte und Geografie (6488). (Hinweis: Die Summe der Sachgruppen ergibt nicht exakt die Gesamtsumme, wegen Doppelzählungen.) Dann dröselt der Börsenverein mit buchhalterischer Gründlichkeit weiter auf in Untersachgruppen. Warum sind Deutsche Literatur und Belletristik als zwei voneinander getrennte Posten ausgewiesen? Das verwirrt mich allerdings wieder, und ich packe die Sache von einer anderen Seite an. Ich rechne nach. 72.820 Werke, die ich zu lesen habe, macht aufgerundet 200 Bücher am Tag, rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr. Damit ist mir endgültig klar, was mir blüht, wenn ich mich kopfüber in die Bücherwogen stürze. Mit noch soviel Akribie wird es mir nicht gelingen zwischen den treibenden Buchrücken, den Kopf über Wasser zu halten. Aber irgendwie muss doch die reale Ausdehnung des Büchermeeres zu fassen sein? Ich entscheide mich für die robustere Methode. Ich visualisiere zuerst einmal den IST-Zustand, indem ich die Gesamtmasse der Bücher einteile in zwei Weltmeere, den Atlantischen und den Pazifischen Ozean.


Der Pazifik der Bücher
Der Pazifik ist der größere der beiden Ozeane. So, wie ich das sehe, schwimmen im Pazifik nur Bücher, die alle eines gemeinsam haben. Sie beruhen auf verständlichen und plausiblen Erklärungen, auf vernünftigen und nachvollziehbaren Gedanken, im allerweitesten Sinn. Sie sollen mir die Welt erklären: die Sachbücher. Grob über die Power-Point-Präsentation des Börsenvereines gepeilt, sind das rund 50.000 Werke.

Ich ändere meine Vorgehensweise. Statt zu schwimmen, steche ich doch lieber in See und gehe auf Expedition. Nachdem ich hinreichend lange auf meiner Schiffsreise Ausschau gehalten habe, traue ich mir eine Aussage zu. Ich gehe so vor, dass ich zuallererst das Vorkommen der Bücher registriere, die nur ganz selten an die Bordwand meines Schiffes schlagen. Das sind die eher schwer verdaulichen Ausgaben der Wissenschaftsverlage. Die erreichen immerhin noch einen statistisch signifikanten Wert. Die Nachweisgrenze wird deutlicher überschritten, wenn die Erkenntnisse der exakten Wissenschaften in praktische Nutzanwendungen umgesetzt werden. Populärwissenschaftlicher Lesestoff schafft es sogar schon mal in die Bestsellerlisten. Aber dann stoße ich überraschend schnell auf das von mir erkannte Phänomen. Ich steure auf den Äquator zu. Zwischen den Küstenlinien der Kontinente dehnt sich die größte zusammenhängende Wasserfläche auf dem Blauen Planeten, die Büchermenge explodiert. So ist das in einer Wissens- und Informationsgesellschaft. Sich mit Know-how die Erde untertan machen. Die Lebenswelt ist passe, in der nur die Mutter aller Bücher, die Bibel, zur Kenntnis zu nehmen ist. Erfindung des Buchdruckes, Aufklärung, industrielle Revolution ... wissen wir doch alles. Heute ist der Alltag der Erdenbewohner mit Dingen angereichert, die benannt, benutzt, bedient und besprochen werden müssen, von denen es vor 100 Jahren noch keine Vorstellung gab. Smartphone, Interkontinentalraketen, Higgs-Boson-Teilchen, Schwangerschaftstest, HIV-Medikamente, Antiblockiersystem, GPS, Weichspüler, adaptive Fahrwerkstechnologie, Industrie 4.0, Fake News, Marketingstrategie, Greenhouse effect, Kapitalismuskritik, Kosmologie, Gerontologie, Ökotrophologie, Kommunikationspsychologie ... und da sind ja auch noch die uralten Fragen, die sich immer neu stellen: Wer bin ich? Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Der Mensch ist Täter und Opfer zugleich. Wie geht es ihm damit? Alles Wissen darüber, was war, was ist und wie es sein wird, wird um und um gewälzt, wird neu aufgeworfen, kommentiert, präzisiert, relativiert und revidiert. Die Mikrostrukturen des Daseins sind ausgegossen mit Büchern. Das sind die Quellen, die den Tsunami der Bücher speist. Wie werde ich schnell reich? Wie verbessere ich meine Schlagfertigkeit? Wie gewinne ich Ausstrahlung, Selbstvertrauen und Lebensfreude zurück? Ratgeber, Rezeptesammlung, Reiseführer, Katzen- Pferde-, Briefmarken- und statistische Jahrbücher. - Puh, was noch? - So langsam finde ich, es reicht. Jedes Jahr für das verbesserte Modell eines Fotoapparates eine neue aufgelegte Bedienungsanleitung. Das x-te Kochbuch für den Thermomix, die 27ste Tourenbeschreibung des Jakobsweges. Nice to know, but not überlebenswichtig. Dann die Druck-Erzeugnisse an der unteren Grenze der Erträglichkeit. Schnelle Lösungen, geistige Kurzschlüsse, demagogische Besserwisserei und dunkle Verschwörungstheorien, die sich tarnen mit der Seriosität und der Glaubwürdigkeit eines gedruckten Buches. Was ist mit Telefonbüchern? Nein, keine ISBN-Nummer. Der Lesedruck weicht!


Der Atlantik der Bücher
Auf meiner Kreuzfahrt über die Büchermeere drehe ich jetzt bei, umfahre das Kap Horn und wechsle aus dem Pazifik heraus in den Atlantik über. Letzterer ist zwar das kleinere Gewässer, aber immerhin noch der "Große Teich". Hier zirkuliert in den Meeresströmungen eine andere Art Spezies, die in ihrer Vielfalt aber auch einen gemeinsamen Nenner hat. Auf welche Exemplare ich mich auch immer fokussiere, alle wollen mir eine Geschichte erzählen. Bei dem, was im Atlantik schwimmt, handelt es sich ausschließlich um "Geschichten-Erzählbücher". Das ist meine Definition.

Die Verbreitung der Population errechne ich kurzerhand, indem ich von der Gesamtzahl der Neuerscheinungen (72.820) die Sachbücher (ca. 50.000) abziehe. Macht großzügig aufgerundet 23.000 Werke. Auf ein paar Exemplare mehr oder weniger kommt es mir nicht an. Ich will mich nicht in den Randmeeren und den Übergangszonen verlieren. Trotzdem, irre, ich muss 63 mal am Tag in die Dünung greifen. Was für eine Zahl, was für ein Lesepensum, was für eine Illusion? Deshalb bleibt mir nichts anderes übrig, als technisch aufzurüsten, um höhere Sichtungszahlen zu erreichen. Ich klemme mir meinen Laptop unter den Arm, verbessere die Sichtweite und bringe mich auf einer virtuellen Mastspitze in Position. Mit Internetbrowser und Suchmaschine werfe ich meine Netze aus. Ich durchkämme die Internetseiten der Literatur-Blogs und der Zeitungsportale, lasse mich von Lesevorschlägen, Empfehlungen und Rezensionen leiten, sichte Bestsellerlisten, streune durch die aktuellen Programme der Verlage und greife auf die Datenspeicher von Amazon zu. Es genügt ein Stichwort, der Autorennamen oder der Titel, schon sehe ich das Cover, lese den Klappentext oder steige tiefer ein mit einer Leseprobe. Buchdeckel-Diving, wie ein Delfin, rein - raus - rein - raus - rein - raus, ohne Zeit zu verplempern, in Buchläden, Bibliotheken und Archiven, schnell und effizient. In kürzester Zeit bin ich bestens informiert, über den Buchinhalt, über den Autor, die Vita, das Lebenswerk, über Lobeshymnen und Verrisse. Es kann aber immer nur eine Stichprobe sein, mehr oder weniger nach dem Zufallsprinzip. Selbst wenn ich den Buchmarkt in noch so viele Suchquadrate einteile, ich werde es nie dazu bringen, die Cover aller 23.000 Bücher über meinen Flatscreen zu ziehen. Mit der begrenzten Aufnahmefähigkeit muss ich leben.

Und, was finde ich auf meiner unperfekten Entdeckungsreise? Einen üppigen Artenreichtum an Geschichten, erfundene oder wahre. Ein komplexes Universum aus hunderttausenden von bedruckten Seiten, einen künstlichen Kosmos, erzeugt mit Sprache. Ein unerschöpfliches Reservoir an Themen, in allen nur erdenklichen Durchmischungsgraden. Die Belletristik zerspringt und zerfasert nach allen Seiten. Durchgängig "schön" ist das in allen Fällen nicht mehr. Der klassische Roman neben einer Sammlung zerhackter und zerfetzter Textbausteine. Nur keine abgegriffenen Erzählmuster oder andere verbrauchte Ausdrucksformen. Kurzgeschichte, Drama, Lyrik, Comic, Krimi, Fantasy, Erotik, Science Fiction, Brief-, Liebes-, Beziehungs-, Entwicklungs- und Gesellschaftroman; Gender, Borderline, Darknet, Unterschichtenmilieu, Voyeurismus, Identitätsfindung, Trauma, Sinnsuche, Gesellschaftskritik, "sich was von der Seele schreiben". Oben, in den Hallen der Hochliteratur, ab einer gewissen Stufe der sprachlichen Bearbeitung, wo die differenziertesten Aggregatzustände des Seins verhandelt werden, da halte ich mich zurück. Ich bilde mir nicht ein darüberzustehen, nur weil ich mir erlaube, eine Meinung oder ein Urteil zu haben. Ich respektiere den ehrlichen Versuch. Glaube und Hoffnung versetzen Berge, nicht immer. Was zu beobachten ist, von den 20.000 Geschichten-Erzählbüchern schaffen es alldieweil die allerwenigsten in den Literaturhimmel. Für viele ist, wenn überhaupt, die Verweilzeit dort sehr gering. Beim Absturz in den Orkus des Vergessens ist noch nicht einmal der Schweif einer Sternschnuppe zu sehen. Die vergeblichen Anläufe, die gescheiterten Versuche, traurig, schade.

Ich weigere mich, eine Schichtung der Geschichten-Erzählbücher in "oben" und in "unten" vorzunehmen, in U und in E. Unterhaltsam sein ist eine hohe Kunst. Unterhaltung ist nie nur Unterhaltung allein, es gibt aber Stufen. Wo die Kunstfertigkeit einen weniger hohen Grad erreicht, ein paar Etagen darunter, wo das kreative Feuerwerk der Ideen abflacht, das Beziehungsgeflechte der Protagonisten ausdünnt, die historischen und zeitgemäßen Kulissen austauschbar werden, da ertappe ich mich dabei, das ich das Interesse verliere und Bücher schon mal reihenweise durchwinke. Es ist der überbordende Mix des Immergleichen. Osteoporose in der Literatur. Hat sich der Inhalt eines Buches in den Kopf des Lesers entleert, dann Ex und Hop, rückstandfreier Wechsel, nächstes Buch. In der alleruntersten Etage, wo selbst die grellsten literarischen Versatzstücke, wo Sex, Liebe, Lust und Leidenschaft nur noch graue Schatten werfen, wo jede Fantasie und jedes Gespür gestorben ist ... die Ödnis ... die Leere ... das tut mir schon rein physisch weh. - Fazit: Was der Buchmarkt in einem gleichmäßigen und ausdauernden Strom ausspuckt, die unfassbaren Mengen an Stories und Plots, die auf mich herabregnen, das erschlägt mich. Der einzige Ausweg ist, sich mit Desinteresse zu wehren.

Es gehört nicht hierher, jetzt muss ich mal abschweifen. Ich frage mich: Woher diese Sturzflut an Bücher? Wo liegt der Ursprung des nicht abreißenden Stromes? Warum tun die Autoren und die Verlage das? Warum setzen sich so viele an den Schreibtisch und überschütten die Verlage mit Manuskripten? Woher kommt der unfassbare Drang, Geschichten zu erzählen? Lukrativ ist das in den allerallermeisten Fällen nicht. Warum lassen sich so viele trotzdem darauf ein, auf Selbstausbeutung, auf jahrelange Sklavenarbeit, ohne Garantie, je einen Euro Lohn dafür zu sehen? Der Büchermarkt ist Darwinismus pur, schreiben darf jeder, nur können die allerwenigsten davon leben. Ist es die Hoffnung, eines Tages doch einen Coup zu landen, Literaturpreise einzusammeln und sich in den Bestsellerlisten wiederzufinden. Vergiss es! Die Wahrscheinlichkeit ist verschwindend gering. Die Antwort auf meine Frage habe ich im Pazifik der Sachbücher gefunden. Es hat etwas mit der Natur des Menschen zu tun. Der Mensch ist offensichtlich von Natur aus ein Geschichten erzählendes Wesen. Eine Grundidee, eine Grundhaltung, die in der Gemeinschaft mit anderen Menschen von entscheidender Bedeutung ist. Keine Buchtitel, keine Namen, das hatte ich mir vorgenommen, jetzt die Ausnahme. James Pennebaker, Psychologe: "Das Erzählen einer Geschichte ist für den Menschen ein natürlicher Prozess, der jedem dabei hilft, sowohl seine Erlebnisse also auch sich selbst zu verstehen. Er gestattet es, das Erlebte auf eine kohärente Art zu organisieren und zu erinnern sowie Gedanken und Gefühle zusammenzubringen. Dies gibt Individuen das Gefühl, das eigene Leben kontrollieren und die Zukunft vorhersagen zu können. Hat ein Erlebnis Struktur und Bedeutung, ist es leichter, mit seinen emotionalen Folgen umzugehen, ... ." Manche Menschen tun das halt mit Büchern. Bingo, jetzt weiß ich warum.


Die Suche nach den Büchern
Zurück zu meinem Problem mit den 72.820 Büchern. Leider, ob es mir passt oder nicht, entscheidend ist die Auswahl. Es geht nicht um Urteile und um Notenvergabe. Ich will auch den Menschen, die dahinter stehen, nicht unrecht tun. Auf die Filterfunktion des Marktes verlasse ich mich erst recht nicht. Immer besteht die Gefahr, dass ich eines der seltenen und kostbaren Exemplare übersehe, die es verdient hätten aufgespürt und aus dem Heuhaufen herausgepickt zu werden. - Noch was! Da war doch die fixe Idee, dass alles, was zwischen zwei Buchdeckel passt, ob gebunden, geleimt, oder auch nur in die Anzeige eines E-Readers, dass also in der Summe aller Bücher, die Welt zu erkennen ist. Davon bin ich überzeugt, nach wie vor, theoretisch, irgendwie, wenn ich nur offen bin. Tausende Samen werden ausgestreut, nur eine Pflanze schlägt Wurzeln und wächst. Was ist die Alternative? Es lebe die Vielfalt, es lebe der Überfluss! Es geht nicht ohne ausdauernde Schwimmbewegungen, es geht nicht ohne Suche. Es ist jedes Mal ein Erlebnis, in die Sprachlandschaft zwischen den Buchdeckeln einzutauchen. Ich muss die Puzzleteile zusammensuchen. Ich liebe die Erkenntnis, den magischen Moment.
Spätestens an dieser Stelle öffnet sich ein Fenster. Die Last kippt und wird zur Lust. Was es speziell mit der Lust auf sich hat, muss an einer anderen Stelle erzählt zu werden.





Die LUST mit den Büchern

Meine mit reichlich Verspätung angetretene Reise durch das Universum der Buchstaben.


Von Herbert Bremm

Der liebe Gott hat dem Menschen die Bücher gegeben - und die Leselust! Wer's glaubt, wird selig. Das ist Storytelling für schlichte Gemüter. Hier die rationale Variante der Erklärung. Lesen ist eine Kulturtechnik. Der Erwerb ist ein langandauernder, zivilisatorischer und kollektiver Prozess. Er zog sich über die Jahrtausende dahin. Jedes Individuum wiederholt mühsam den Vorgang, immer wieder neu. Ehrlich gesagt, es wurde mir nie die freie Wahl gelassen, ob ich das überhaupt will. Im Nachhinein bin ich allerdings sehr einverstanden damit. Vielleicht gelingt es mir ja zu erklären, warum.

Wenn ich also meine Beziehung zu den Büchern auslote, dann stoße ich - am Anfang jedenfalls - auf alles andere, nur nicht auf Lust. Nein. Nichts. Da gab es keine überschwänglichen Erinnerungen an fantastische Leseerlebnisse, an fieberhaft durchlesene Nächte, an Abenteuerreisen, an Ungeheuer und an sonstige Traumwelten. Weil ich keinen Zugriff hatte auf die vorhandenen Schätze der Kinder- und Jugendliteratur, die ich Stück für Stück und Stufe um Stufe für mich erobern konnte. Bilder von Vitrinen und Schränken, gefüllt mit verheißungsvoll nebeneinander aufgereihter und übereinandergestapelter Bücher, existieren nicht in meinem Kopf. Im Haus meiner frühesten Erinnerungen suche ich danach vergeblich. Aber wenigstens ein bescheidenes Bücherbrett, mit ein paar aufgebahrter Bildungsheiligtümern? Fehlanzeige! - - Ich komme aus einem bildungsfernen Haushalt. Das nennt man doch prekäre Verhältnisse. Nein, in keinem Fall, weil von einer Kindheit auf dem Dorf die Rede ist, Anfang der 1960er Jahre.

Das Land, in dem ich geboren wurde, war ja nicht von Anfang an das Wohlstandsland, das es heute ist, mit einer flächendeckenden Verteilung von Discountern und Supermärkten auf der grünen Wiese. Ja wirklich, der Ausstattungsgrad der Haushalte an Waschmaschinen, Fernsehern und Telefonen lag bei annähernd unvorstellbaren null Prozent. Ende des 2. Weltkrieges war Deutschland in weiten Teilen noch Bauernland. Die Großeltern waren die lebenden Repräsentanten einer komplett anderen Welt. Nicht PS-strotzende Ungetüme mit schallgedämmter und klimatisierter Fahrerkabine pflügten den Acker. Die Menschen gingen mit vorgespanntem Zugtier noch selber in der Furche. Eine bestechend einfache Gleichung, die sich auf alle Bereiche des Lebens ausdehnen ließ. Jeder zusätzliche Sack Kartoffeln im Keller, die gutgefüllten Regale in der Vorratskammer oder der Schuppen mit aufgestapeltem Brennholz bis unters Dach, das war Wohlstand. Nur wer die Ärmel hochkrempelt, sich ins Zeug legt und arbeitet, der hatte was. Wer liest, arbeitet nicht! In dem Zusammenhang war das Lesen, mal milde gesagt, keine besonders sinnvolle Tätigkeit. Anfang der 1960er Jahre sah ich die allerletzten Zipfel der "guten alten Zeit" auf Nimmerwiedersehen um die Dorfecke biegen, mit ihr die Pferde, die Kühe, die Schweine, die Hühner. Nur, wenn trotzdem einer allzu sehr die Nase in die Bücher steckte, dann schwang bei der Antwort auf die Frage, "Wo steckt denn der ...... ?", immer noch so ein abschätziger bis missbilligender Unterton mit: "Der liest!"

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